Interview

Warum haben so viele Schüler Probleme mit der Mathematik?

Da gibt es natürlich viele Erklärungsversuche. Ich für meinen Teil sehe einen Mix von drei Gründen:

Im Gegensatz zu allen anderen Fächern hat sich die Mathematikpädagogik nicht wirklich weiterentwickelt. Es klafft eine kulturelle Lücke zwischen den Werten, mit denen sich die Mathematik in der Schule präsentiert und wie dies die anderen Fächer tun. Gerade in den ersten Schuljahren unternimmt das Schulfach wenig Anstrengungen, die Begeisterung der Kinder für sich zu gewinnen. Das ist zum Großteil der Überzeugung geschuldet, dass man das Haus eben von unten baut und dass man induktiv vorgehen müsse. Rein psychologisch gesehen hat im Ergebnis die Mathematik damit einen schweren Stand gegenüber den anderen Fächern, die sich ganzheitlich und mit echtem Lebensbezug präsentieren.

Der induktive Lehrplan verwickelt die Mathematik immerzu in vermeintliche Widersprüche, die heute wesentlich schwerer wiegen, als früher. Lassen Sie mich symbolisch einen Fall herausgreifen:
xxxxDas einfachste Viereck ist das Quadrat. Die Flächenformel ist      A = a^2.
xxxxDann kommt das Rechteck. Die Formel lautet                                  A = a * b.
xxxxDann kommt das Parallelogramm: Jetzt lautet die Formel             A = g * h.

Drei verschiedene Formen, drei verschiedene Formeln. Bei den ersten beiden gewinnen die Schüler den Eindruck, sie müssten am Rand suchen. Dann beim Parallelogramm erweist sich diese Regel als nicht mehr gültig. Den Schülern wächst der Eindruck, die Mathematik wäre ein Sammelsurium aus tausend Einzelformeln. Würden wir beim Parallelogramm beginnen und ihnen den Sinn der Grundlinie erklären, folgen alle drei derselben Formel: A = g * h. Das Quadrat und das Rechteck sind jetzt nur einfache Sonderfälle.  Ähnlich ist es in fast jedem anderen Bereich. Damit sind wir auch schon bei dem dritten Punkt.

Die Schüler lernen heute ganzheitlich. Was sie lernen muss zusammenpassen. Die Mathematik stellt den Anspruch, in sich wahr zu sein, und verstrickt sich über eine Pädagogik, die beim Spezialfall anfängt, immer wieder in scheinbare Widersprüche. Sie macht sich damit in den Augen der Kinder unglaubwürdig. Wer heute die Herzen der Kinder gewinnen will, muss den ganzen Menschen ansprechen: Sinne und Verstand. Viele Mathebücher „glauben“, es sei mit ein paar bunten Bildern getan, um die Sinne anzusprechen. Doch es geht meiner Meinung nach darum, dass die Mathematik selbst die Sinne gewinnen muss. Dass die Kinder die Strukturen sehen wollen, die in der Mathematik wirken, so wie die Äste in einem Baum.

Wie lassen sich Kinder besser heranführen?

Wir könnten zum Beispiel bei dem Fall anfangen, der die Prinzipien in sich trägt und den Schülern die Erfahrung gönnen, diesen dann in den einfacheren Fällen wieder zu erkennen. Würden wir nur dieses eine Prinzip konsequent umsetzen wollen, hätten wir bereits viel zu tun. Denn im Grunde machen wir so gut wie immer genau das Gegenteil.

Zweitens könnten wir versuchen, den ganzen Menschen abzuholen: Sinne UND Verstand. In dieser Reihenfolge. Vor Jahren macht der Begriff Spaßpädagogik die Runde. Und man stellte fest, dass das nicht funktioniert. Ein kleiner Fehler hatte zur Folge, dass eine gute Intuition verworfen wurde. Worum es wirklich ginge, wäre eine Glückspädagogik. Jetzt zeigt sich, dass die Kinder bereit sind, Höchstleistungen zu bringen, wenn nur als Lohn Glück winkt.

Ganz nebenbei gesagt sind wir hier beim Thema Computersucht. Die Kinder erleben beim Computerspielen Flow, das heißt tiefe Einheit, was dasselbe ist, wie neurobiologisches Glück. Das ist die Konkurrenz, der sich Schule ganz allgemein und die Mathematik im Besondern heute stellen müssen: Glück; tiefe Einheit. Den Computer zu bekämpfen ist nicht nur aussichtslos, sondern zeugt davon, dass wir die Kinder nicht verstehen. Denn wenn wir den Kindern den einzigen Ort verbieten wollen, an dem sie glücklich sind, werden wir scheitern.

Wollen wir die Konkurrenz und unsere Kinder ernst nehmen, dann müssten wir alles dafür tun, dass die Kinder in der Schule und in Mathematikunterricht Glück erleben. Die Mathematik wäre hierfür geeignet wie kein anderes Fach. Genau das fordert übrigens Maria Montessori, wenn sie sagt, die Kinder hätten ein Recht darauf, jeden Tag Flow zu erleben. Und wäre das nicht der Fall, würden wir ihnen Gewalt antun. Nochmal: „Wenn wir nicht sicher stellen, dass die Kinder jeden Tag Flow erleben, tun wir ihnen Gewalt an!“. Zitat Ende.

Können Sie Beispiele nennen?

Das Beispiel vom Quadrat und Parallelogramm macht es bereits sehr deutlich. Im Grunde folgen —abgesehen vom  Kreis und der Kugel— alle Flächen und Räume einem einzigen Prinzip: Grund-Linie mal Höhe — Grund-Fläche mal Höhe.

Wir könnten dieses Prinzip des Wachstums sichtbar machen und den Schülern das Glück schenken, es in den einzelnen Formen selbst zu entdecken. Wenn wir immer alles (zuerst) erklären, was wir ihnen in diesem Augenblick vorstellen, ist das schönste Gefühl, das wir den Kindern im Matheunterricht erlauben, Erleichterung. Würden wir „lediglich“ die Inhalte so anordnen, dass die Kinder die Regeln selbst entdecken, wäre Glück die Folge.

Gleiches ließe sich mit Gleichungen erreichen. Lösen wir mit den Kindern zuerst einfache Gleichungen, dann geben wir einer Unzahl von Missverständnissen Raum. Diese machen den Kindern später das Leben schwer. Stellen wir jedoch extrem große Gleichungen an den Anfang, (mit nur einer Unbekannten), dann lernen die Kinder einen Algorithmus, der alle Sonderfälle in sich birgt. Jetzt ist die bestmögliche Emotion Glück, und mit der Zeit wachsen Stolz und Selbstbewusstsein. Jetzt stünde die Tür weit offen.

Was würde das konkret im Unterricht bedeuten?

Das ist keine einfache Frage: Der Lehrplan ist nicht gerade hilfreich, wenn wir den Kindern eine Glückspädagogik anbieten wollen. Doch es gibt Möglichkeiten, den Kindern die Prinzipien auf eine Art zu präsentieren, so dass wir wenig erklären und die Kinder viel entdecken. Ein großes Hindernis ist auch der Stundenplan. Denn für das Unbewusste ist nur das wichtig, was immer wichtig ist. Und was nur zweimal in der Woche wichtig ist, ist —neurobiologisch betrachtet— eben nicht wichtig.

Ich versuche dem auf zweierlei Weise zu begegnen:

  • Mathe-Camps: 5 Tage pro Woche mit jeweils 3 Zeitstunden und einer ganzheitlichen Pädagogik schenkt einen guten Start. In der Regel machen die Schüler am zweiten Tag auf. Nach einer Woche ist dann viel passiert und Lücken zwischen den Mathetagen sind nicht mehr ganz so dramatisch.
  • Und dann schicke ich meinen Schülern jeden Tag eine Aufgabe, damit kein Tag vergeht, an dem sie nicht wenigstens 5 Minuten an Mathe denken.

Was hat es mit der Dyskalkulie auf sich? Gibt es tatsächlich eine krankhafte Mathe-Schwäche?

Ein komplexes Feld. Sicher gibt es Dyskalkulie. Aber ich glaube nicht daran, dass tatsächlich so viele Kinder unter Dyskalkulie leiden. Viele leiden „nur“ unter einer Pädagogik, die permanent pschologische und neurobiologische Hindernisse in den Weg stellt.

Ich unterrichte seit Jahren Schüler mit großen Schwierigkeiten. Einige davon mit diagnostizierter Rechenschwäche. Bisher haben buchstäblich alle Kinder aufgemacht. Bei einigen davon waren mit einem Schlag alle Schwierigkeiten weg. Für andere war der Weg frei für die Beseitigung vieler kleiner Missverständnisse. Für einige war und ist auch noch länger der minimale Einsatz von Sprache eine wichtige Voraussetzung.

Ich will ihnen ein sehr aktuelles Beispiel erzählen:
Da ich nicht immer 100% auf dem Laufenden bin, was organisatorische Dinge angeht. fragte ich am letzten Schultag vor den Oster-Ferien in die Runde, ob Mathe überhaupt stattfinden würde. K. —ein Schüler, bei dem ich noch vor den Weihnachtsferien überzeugt war, dass er als einziger in der Klasse nie aufmachen würde— hatte Mitte Januar den Schalter umgelegt. Nach 1 Minute schrieb er zurück: Leider nein!

Leider!

Mal frei nach Hüter gefragt: Ist jedes Kind mathematisch hochbegabt?

Maria Montessori hat ja dem Menschen einen mathematischen Geist attestiert. Sie sieht ihn buchstäblich als mathematisches Wesen. Und ich gebe ihr recht. Denn die Mathematik ist —von oben betrachtet— ähnlich strukturiert wie die Natur. Und unser Gehirn ist über Millionen von Jahren darin trainiert, die Natur zu lesen. Die Natur zeichnet sich fast in allen Bereichen durch selbstähnliche Strukturen aus. Und wenn wir eine solche neu erkennen, sind wir glücklich.

Ob die Kinder alle wirklich mathematisch hochbegabt sind, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass alle Kinder, die ich bisher gesehen habe, mit der Mathematik Glück erleben können.  Und es gibt keinen besseren Motivator für Erfolg, als das regelmäßige Erleben von Glück.

Wie kommen  Sie zu dem, was Sie heute tun?

Mein Werdegang ist sicher nicht Standard und um ihre Frage nur ansatzweise zu beantworten, muss ich leider kurz  ausholen, denn was ich heute mache, ist irgendwie die Summe von allem, was ich bisher getan habe:

Ich studierte insgesamt 20 Semester: Elektrotechnik, Mathematik, Philosophie, und Interkulturelles Management. Von diesen hat mich die Philosophie am tiefsten und nachhaltigsten beeinflusst. Im Rahmen der Weiterbildung „Interkulturelles Management“ machte ich ein Praktikum und hatte das Glück, im Anschluss ein Angebot aus der freien Wirtschaft zu bekommen. 12 Jahre war ich dann in der Unternehmensberatung tätig. Mein Gebiet war Projektentwicklung im Umfeld der großen Förderbanken in den Bereichen Bildung und Hochtechnologie.

Als die Mutter meiner Kinder nach Berlin zog, erkannte ich, dass diese Stadt der Ort war, an dem ich schon immer leben wollte. Ich suchte einen Neuanfang. Vor dem Umzug war mein Sohn begeistert von Schule und gut in Mathe. Nach 3 Monaten an seiner neuen Schule hatte sich beides grundlegend geändert. Er kam in den „Entdeckerclub“. Dahinter versteckte sich die Fördergruppe. Da erinnerte ich mich meine eigene Schulzeit: Bereits als Schüler hatte ich mein Geld in der  Nachhilfe verdient und probierte auch gerne neue Wege aus. Denn ich sah keinen Sinn darin, zu wiederholen, was bereits zuvor nicht funktioniert hatte. Zwei Fälle hinterließen einen nachhaltigen Eindruck bei mir, denn hier war etwas passiert, was ich mir nicht erklären konnte. Es wuchs der Traum, irgendwann eine eigene Schule zu gründen, in der Schülern ein alternativer Weg angeboten wird.

Dass aus diesem Traum eine völlig neue Pädagogik wachsen würde, damit hätte ich niemals gerechnet.

Gehen sie dieses Jahr auf die Didacta?

Ja: Ich werde sogar schon um dritten mal Aussteller sein. Noch bin ich nicht angemeldet, aber vermutlich finden sich mich wieder in der Area von Eduvation.

Schreibe einen Kommentar